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Vorreiter

Den Zug eröffnen die drei sogenannten Vorreiter mit der Regiments- und
Festfahne von 1848, die gearbeitet und geschenkt wurde von einigen
kunstfertigen Neusser Damen - früher sagte man auch schon mal Jungfrauen
- und aus Anlass des 25jährigen Bestehens des Vereins am
Schützenfestsonntag im großen Rathaussaal von den laut Bericht
"holden Gerberinnen" überreicht wurde. Die Fahne ist - nach
etlichen Reparaturen - noch heute Erinnerung an das Fest des
Revolutionsjahres 1848, das aber in Neuss in schönster Harmonie begangen
wurde und so viel Freude auslöste, dass selbst der "General"
der Gründerjahre es sich nicht nehmen ließ, noch einmal hoch zu Roß die
Schützen zu beglücken und dem Oberst Konkurrenz zu machen.
Der mittlere Herr der Vorreiter, der Fahnenträger, war wohl der
schlichtgekleidetste von allen Zugteilnehmern; er trug seinen
herkömmlichen schwarzen Feiertaganzug, den er nicht unbedingt schon am
Hochzeitstag getragen haben musste; inzwischen hat er sich eines
Reiterfracks bemächtigt, trägt eine rotweiße Schärpe und den
grünbekränzten Zylinder.
Bewacht, ja, so muss man schon sagen, wird er und die kostbare Fahne
von zwei mit stabilen Rössern beritten gemachten Kürassieren. Das waren
die Draufgänger der schweren Schlachten-Kavallerie, wörtlich
Panzerreiter. Sie tragen eine weiße Montur, Rock und Hose und sind
geschützt durch einen Harnisch, durch Brust- und Rückenpanzer und einen
schweren Helm mit Rosshaarzier - den kannten die alten Römer schon. Ihre
Waffe ist der Pallasch, der "Haudegen" mit schwerer gerader
Klinge.
Ihr erstes Auftreten im Neusser Regiment liegt in den 30er Jahren der
Frühzeit. Anfänglich liehen sich die Neusser die Ausstattung bei der
Stadt Köln und es wurde überliefert, dass Kürassiere, Helme und Säbel
auch bei den Kölnern eine solche Wertschätzung genossen, dass der
Kölner Oberbürgermeister persönlich die Ausleihe und Rückgabe
bescheinigte. Es ist aber auch vorgekommen, dass die Neusser die Rückgabe
verschlampten, so dass der Oberbürgermeister höchst ungnädig daran
erinnern musste.
Wer auf den Gedanken gekommen ist, sich derart martialisch an die
Spitze zu setzen, ist nicht überliefert. Vielleicht war es ein
Altgedienter, vielleicht auch war er 1814 siegreich dabei gewesen, als die
Preußen in französischen Kasernen Kürassiere regimentsweise als
Kriegsbeute vereinnahmten und ihre eigenen Regimenter damit ausrüsteten -
wer weiß.
Unsere Spitzenreiter sind noch dadurch besonders gewichtig, weil sie
standesgemäß auf schweren belgischen Kaltblütern aufsitzen. So bilden
sie, allesamt von hinten gesehen, die breiteste Front im ganzen Regiment.
Sie hatten auch so ihre Sorgen. Woher immer die "decke Päd"
nehmen! Und als beim neuen Anfang nach dem letzten Krieg weit und breit
kein Küraß zu finden war, wusste ein findiger Mann sie aus Belgien zu
schaffen, aus Antwerpen. International waren sie immer, die Kürassiere.
Die Neusser schätzen sie. Nur einmal haben sie grinsen müssen, als
die Vorreiter mit dem Sappeurkorps beim Münchener Oktoberfest in Festzug
mitmarschieren sollten und eben keine "dicke Päd" aufzutreiben
waren. Sie mussten sich mit Reitpferden begnügen. Man stelle sich vor:
Kürassiere auf zartgebauten Hottapferdchen! Die Neusser aus dem Gefolge
der Expedition zu den Bajuwaren dachten, die brechen jeden Moment zusammen
- die Pferdchen... haben aber Glück gehabt, die Kürassiere.