Bis zum Jahre 1977 war ich ein ganz normaler Mensch wie Millionen
männlicher Deutscher auch. Doch dann übernahm die Stadt Neuss die
Patenschaft über 5 Landungsboote der Bundesmarine. Welche Erinnerungen
wurden da vom Unterbewusstsein nach oben katapultiert; hatte ich doch
einen reichlichen Teil meiner Jugend auf solch einer Sardinenbüchse in
der Uniform des Kieler Trachtenvereins (Bundesmarine) verbracht.
Da die arme Stadt Neuss händeringend nach Übernachtungsmöglichkeiten
für eine Abordnung dieser Pateneinheit suchte, wurde flugs in der
Arbeitsecke eine Heimstatt mit 2 Betten eingerichtet und diese der Stadt
angeboten. Meinem Wunsch, Besatzungsmitglieder der BARBE (meinem
Landungsboot) zu bekommen, wurde entsprochen. So zog dann Oberbootsmann
Matzel (auch Erich genannt) mit einem Kollegen bei uns ein.
Da ein Schützenfest (mir bis dahin nur vom Hörensagen bekannt) mit
grösserem körperlichen Aufwand verbunden ist, wurde eine
Fahrbereitschaft für die Mariner eingerichtet.
Der damalige Pressesprecher der Stadt Neuss, Klaus Karl Kaster (genannt
KKK) hatte die Mariner unter seine Fittiche genommen und seinen
Grenadierzug DE TEUNISSE mit in diese Patenschaft eingebunden. So kam es
zu ersten Berührungen mit dem für mich damals noch Schützen(un)wesen,
denn schließlich wurde immer bei Schützenfest die Innenstadt gesperrt,
so daß Umwege gefahren werden mussten.
Die Mitglieder dieses Schützenzuges machten einen sympathischen
Eindruck und so wurde dann schon mal das eine oder andere Bier miteinander
getrunken. Im Laufe der nächsten Jahre wurde der Kontakt zu den Teunissen
dann im Rahmen der Marine- Fahrbereitschaft intensiviert und das eine oder
andere Bier artete dann schon mal in eine grössere Sauferei aus.
Im Frühjahr des Jahres 1979 schockte mich ein Anruf des Oberleutnants
der Teunisse. Man suche neue Mitglieder und ob ich nicht Lust hätte, mir
den Haufen (gemeint waren die TEUNISSE mit ihrem Anhang) doch einmal
näher anzuschauen. Mit einer Einladung nach Norf zum Königsschießen am
Wochenende vor dem Schützenfest wurde das Gespräch beendet (Kommentar
von mir: Wie kann man nur so durch die Stadt irren!).
An einem schönen Wochenende im August 1979 - da war es für mich noch
schön - rückte ich also mit der Frau Gemahlsgattin in Norf zum ersten
Beschnuppern an. Hier war ein recht lustiges Völkchen versammelt. Lauter
hübsche Frauen sowie die dazugehörenden Männer und - damals noch
reichlich - kleine und grössere Kinder.
Als erstes wurde ich dahingehend aufgeklärt, daß die Männer das
Wichtigste wären, da sie ja den Schützenzug darstellen würden.
Nachdem
einer der Teunisse eine Ansprache in bayrischer Sprache gehalten hatte,
zog es die Herren zum Schießstand. Man mühte sich redlich, einen bunten
Vogel aus Balsaholz zum Abfliegen zu bewegen. Nach einigen vergeblichen
Runden kam von Klaus Karl der - wie ich im nachhinein feststellen musste -
hinterlistige Vorschlag: "Schieß doch einfach mal mit; es wird schon
nichts passieren." Zur damaligen Zeit war mir noch nichts über Klaus
Karl`s gute Beziehungen zu den Herren der Winde bekannt.
Meine hochverehrte Frau Gemahlsgattin kreischte auf: "Mach
bloß keinen Blödsinn und schieß auf den Vogel und den womöglich noch
ab." Manchmal haben Frauen eben doch den 6-ten Sinn.
Um nicht als Spielverderber dazustehen, schoß ich also, die Mahnung
meiner Gemahlin nicht vergessend, vorsichtig mit. Mit der unterschwelligen
Drohung im Ohr, mühte ich mich nun redlich ab, Holunderblätter mit einem
neuen Muster zu versehen. Das Löchern der Blätter ist mir auch recht gut
gelungen. Dann kamen die Beziehungen der Teunisse zu den Winden zutage und
damit mein Verhängnis. Ich hatte gerade wieder ein sehr hübsches Blatt
vom Baum geschossen und das Gewehr schon wieder auf dem dafür
vorgesehenen Tisch abgelegt, da zog ein Windstoß durch
die Auen von Norf.
In meinem Rücken erklang ein Aufschrei. Irgendwelche Leute zerrten mich
auf ihre Schultern und trugen mich umher. Auf meine erstaunte Frage, was
das denn solle, wurde mir kundgetan: "Der Wind hat den Vogel von der
Stange geschmissen und Du bist der neue ZUGKÖNIG!".
Meine Gemahlin erblasste und hielt Ausschau nach erreichbaren
Mauselöchern. Nachdem der Bayer - Ali mit Namen - wiederum eine mir
unverständliche Rede gehalten hatte, wurde meiner Gemahlin dann zur
Bestechung ein größerer Blumenstrauß überreicht. Da stand ich nun, ich
armer Tropf, und war Zugkönig und hatte doch von nichts eine Ahnung und
war noch nicht einmal Mitglied dieses verrückten Schützenzuges.
Als nächster Schock wurde Umlagen-Theo (Kassierer, später auch RAFFael
genannt) aktiv mit der Bemerkung: "Nun mußt du aber auch Beitrag
bezahlen." Ich hatte immer gedacht, Komparsen bei so grossen
Veranstaltungen würden Gage erhalten. Aber der damalige Beitrag war eine
erschwingliche Summe und konnte aus unserem Familienbudget so gerade noch
aufgebracht werden.
Klaus Karl nahm mich also unter seine Fittiche und mühte sich, mir die
Feinheiten und notwendigen Verhaltensmaßregeln für das Schützenfest
begreiflich zu machen. Schützenfest-Samstag erreichte dann mein
Lampenfieber seinen Höhepunkt mit dem Fackelzug. Die sonntägliche Parade
habe ich dann auch schon besser überstanden. Dann kam der Grenadierball
und der Horror ging weiter. Da wollten doch diverse Damen mit mir tanzen.
Einige haben sich bis heute noch nicht daran gewöhnt, daß ich nicht
gerne tanze. Mit Wackelzug und Radiesen-Essen endete dann mein erstes
Schützenfest.
Für mich ergab sich daraus das Resümee, daß es irgendwie doch Spaß
gemacht hat und der Wunsch, es im nächsten Jahr noch einmal zu versuchen.
Bei diesem Entschluß ist es dann auch Jahr für Jahr geblieben.
Seit 1979 bin ich nun dabei und werde wohl auch weiterhin zu Neusser
Schützenfest zum x-ten Male über den Markt irren und im nachhinein - wie
immer - sagen: "Es hat mal wieder Spaß gemacht!!". Somit hat
sich die Hinterlist von Klaus Karl doch als gar nicht schlecht
herausgestellt.
