Neusser
Sappeur-Korps 1830

Die Sappeure, sagen die Neusser, richtiger müßte es heißen, die
Sappeurs. Also das Neusser Sappeurkorps von 1830, eine stabile, kompakte
und durch nichts zu erschütternde Truppe. Eine farbenprächtige und
selbstbewusste Phalanx, oft kopiert, nie erreicht.
Ihre stattliche Erscheinung wird bestimmt vom Weiß der Hosen, vom
Hellbau der Waffenröcke, vom Weiß der Schürzen aus Ziegenleder, von der
schwarzen Bärenmütze der Chargierten mit wallendem weißen Haarbusch und
dem Tschako der übrigen Mannschaft mit dem fülligroten Stutz aus
Büffelhaar. Alle Kopfbedeckungen sind mit Fangschnur versehen. Die
Männer führen eine Axt, die sich zeitgemäß aus einem geschärften
Eisen in ein harmloses Instrument aus verchromten Weißblech verwandelt
hat.
Als Sappeure wurden in Zeiten vergangener Kriegskunst die Soldaten
bezeichnet, welche die Sappen, die Lauf- und Annäherungsgräben vor
feindlichen Stellungen anlegten. Zeitweilig fielen sie unter den
Sammelbegriff Pioniere oder man unterschied Pioniere, Mineure und Sappeure.
Ihre technische Verwendung beschränkte sich nicht auf das Sappen bauen,
sie waren auch gefragt beim Hindernisräumen, beim Bäume fällen, bei der
Beschaffung von Schanzpfählen, beim Biwak- und Lagerbau. Ihr Platz war an
der Spitze der marschierenden Truppe. Zur allgemeinen Bewaffnung erhielten
sie ein Spezialgerät, eben eine langgestielte Zimmermannsaxt.
Die französische Bezeichnung Sappeur besagt nicht, dass es sich um
eine lediglich im französischen Heer übliche Formation gehandelt habe.
Sappeure gab es in vielen Heeren, selbst die Bürgermilizen etwa von
Hamburg und Lübeck hielten sich Sappeure. Im alten preußischen Heer
hatte jede Kompanie einen Zimmermann.
Nach 1816 traten vielseitiger ausgerüstete und zu verwendende
Pioniereinheiten an ihre Stelle und mit dem Verschwinden der
traditionellen Truppe und ihrer Uniformen konnten die Behörden auch
nichts mehr dagegen einzuwenden haben, dass sich Sappeure als historische
Reminiszenz ins Neusser Schützenregiment einreihten. Vielleicht, ja,
vielleicht war einer unter den Initiatoren, der noch unter Napoleon
gedient hatte, vielleicht im 5. Sappeurs-Bataillon in Metz, wohin das
Roer-Department, zu dem Neuss gehörte, einmal 72 Mann abstellen musste.
Den Anfängen des Neusser Sappeurkorps ist eine gewisse Tragik nicht
abzusprechen: In dem Jahr, in dem sie beim Schützenfest zum ersten Mal in
Erscheinung traten, machte der Schützenverein pleite und der Vorsitzende,
der sich für die Ausstattung der Truppe stark gemacht hatte, musste
abtreten. Daß zu dieser Ausstattung auch künstliche Schnauzbärte
gehörten, kann uns heute nur noch erheitern, entsprach aber in der Tat
einmal militärischem Brauch. Wem keiner gewachsen war, musste sich einen
künstlichen ans Kinn kleben zum Preis von 20 Silbergroschen pro Kinn. Wie
überhaupt die Sappeure anfänglich vom Verein bezahlt wurden. Ein Brauch,
der glücklicherweise abhanden gekommen ist.
An den Schützenfesttagen versieht das Sappeurkorps den Wach- und
Ehrendienst an der Residenz des Schützenkönigs, des Reitersiegers, am
Rathaus, am Zeughaus und beim Schützenpräsidenten. Ansonsten dürfen sie
fröhlich und keineswegs trinkscheu sein.